Geotagging – “reale Virtualität” für Marketing & PR

10. März 2010 | 4 Kommentare | Trackback
von Jens Niemann

Twitter-User: jens_niemann



Man stelle sich einmal vor, die mobile Web-Suche nach den brandneuen Sneakern liefert im Ergebnis ein Foto des Schuhwerks im Schaufenster des Ladens um die Ecke. Praktisch, oder? Noch praktischer, wenn mit wenigen Klicks gleich ein entsprechendes Sonderangebot im Geschäft zwei Straßen weiter ausgemacht werden kann. Wenn dann das Handy den Laden auch noch als Lieblingsshop von einem meiner Facebook-Kontakte ausweist, ist der Schuh dort schon fast gekauft. – Zukunftsmusik? Vielleicht…

…vielleicht aber auch ein realistischer Blick auf die Chancen und Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn Ergebnisse in traditionellen Suchmaschinen um Geotags ergänzt werden.

Geotags sind Metainformationen in Form von geographischen Koordinaten, die es ermöglichen online gestellte Fotos, RSS-Feeds, Tweets oder sonstige (Status-)Informationen ortsgenau zuzuordnen. Der größte Mehrwert wird sich für den User aus der sinnvollen Verknüpfung von geogetaggten und “klassischen” Informationen ergeben.

Chancen, die das Geotagging für lokales und lokalisiertes Marketing und PR bietet, scheinen schier unerschöpflich. Praktisch jedes Geschäft mit physischer, auf einer Landkarte verortbarer Existenz kann sich Geotags zu nutze machen und seine Website mit den eigenen Angeboten mit Koordinaten versehen und so in geotagged-Suchmaschinen auffindbar machen. Denkbar sind lokalisierte Bewertungssysteme, Gewinnspiele, Rabattsysteme, Verknüpfung von Pressematerialien mit zusätzlichen Standortinformationen, Service-Angebote für lokalisierbare Nutzer, …

WO BIN ICH? WER IST IN MEINER NÄHE?

Nicht nur Shops, Cafés oder Büros mit ihren Angeboten können mit Geotags auf eine Landkarte „gepint“ werden. Personen können sich, dank Diensten wie Plazes.com, mit einem GPS-fähigen Handy auch selbst online georeferenzieren. Viel mehr noch, das Handy kann in Zukunft zum „Beziehungs-Radar“ werden: ab jetzt haben wir unsere Freunde, deren aktuellen Aufenthaltsort, ihre Lieblingslocations und Urlaubsfotos jederzeit dabei. Sogar zu neuen Freunden kann uns Geotagging verhelfen, denn Dienste wie aka-aki.com verbinden Realität und Virtualität und zeigen auf dem Handydisplay Fotos, gemeinsame Freunde und Interessen von Leuten an, die gerade in der Nähe sind.

KUNDENBINDUNG 2.0

Relationship-Marketing mithilfe von Geotagging, fernab von zerknickten Stempelheftchen im Portemonnaie und mitgewaschenen Rabattmärkchen bietet foursquare.com. Der Dienst ermöglicht den virtuellen “check-in” in Cafés, Bars, Restaurants, Parks oder Büros, in dem der User sich gerade real befindet. Dessen Freunde wissen dann über seinen Aufenthaltsort Bescheid und können Empfehlungen für nahegelegene Locations oder Aktivitäten geben. Der User seinerseits kann Bewertungen oder Empfehlungen zu seinem gegenwärtigen Aufenthaltsort posten. Der User mit den meisten „check-ins“ in eine bestimmte Location wird zu deren „mayor“ ernannt. Geschäfte können bei foursquare.com gezielte Angebote machen und Anreize schaffen. So gibt es Coffeeshops, die ihren „mayors“ Gratis-Kaffee anbieten und Hotels, die mit kostenlosen Übernachtungen für eine gewisse Anzahl an „check-ins“ werben.

Möglichkeiten, die Geotagging dem Einzelhandel bieten, liegen also auf der Hand: Virtuelle Rabattcoupons an der Ladenfassade als Incentives oder auch die von Kunden im Web hinterlassenen Spuren und Tags zum Shop als Werbung und wertvolle Informationsquelle. Stehen und fallen wird das Marketing-Potenzial der Geodaten zweifelsohne mit der Bereitschaft der User, ihren Standort preiszugeben. Bei allen positiven Potentialen darf allerdings auch nicht vergessen werden, dass der Schuss für Unternehmen auch nach hinten losgehen kann. Negatives “Word of Mouth” wird nicht vor Geotags halt machen.

DER GLÄSERNE USER?

Natürlich hat Geotagging Schattenseiten.

• Verlust der Privatsphäre
• Bewegungsprofile
• Datenschutz

- das sind die wohl prägnantesten Schlagworte, wie auch die Debatte über Google Streetview und das BGH-Urteil zur Vorratsdatenspeicherung gerade aufgezeigt hat. Nutzer müssen den Grad der Offenlegung von geogetaggten Informationen beeinflussen können, die Nutzung der Daten durch Dritte kontrolliert werden. Auch die Frage nach den Rechten an Geodaten wird diskutiert werden müssen. Mehr noch als im Umgang mit herkömmlichen sozialen Netzwerken stellt sich darüber hinaus bei ortsbasierten sozialen Netzwerken die Frage nach Konventionen und Regeln, nach Social Media Guidelines.

Fazit: Geotagging schafft viel Potenzial – aber auch viele offene Fragen. Dran bleiben.

Weiterführende Links zum Thema:

DPA: „Foursquare und Google Buzz fragen: Wo bist Du?“

Garrick Schmitt im „Digital Next“-Blog von Advertising Age: „The Future of Geo-tagged Marketing“

Jennifer Kyrnin: „What is Geotagging?“

Andrew Turner: „Geotagging Web Pages and RSS Feeds“

Computerwoche: „GPS revolutioniert soziale Netzwerke“

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Kommentare:

  1. 10. März 2010 | 23:59 Uhr
    Martin SeibertMartin Seibert | Twitter: mseibert

    Die Geo-Tags sind mir derzeit noch etwas “over-hyped”. Gerade TechCrunch und Robert Scoble kommen gar nicht mehr über das berichten und freuen hinaus. Es ist mir nicht klar, ob wirklich eine Relevanz für meine Freunde besteht, ob ich jetzt gerade zu Hause “eingecheckt” bin. :-)

    Die im Artikel beschriebenen Anwendungsfälle hingegen schaffen da schon mehr hilfreiche Anwendungsfälle. Die Risiken wurden ja umfangreich dargestellt.

    Insgesamt ist Geo-Tagging eine Chance, die ich persönlich wohl erst noch entdecken muss. Gerne werde ich aber ab sofort die geo-getaggten Infos der anderen nutzen. :-)

    So wie hier dargestellt:
    http://twitter.com/mseibert/status/9931495258


  2. 19. März 2010 | 08:57 Uhr
    Wie Unternehmen Location Based Services für sich nutzen können « Paul Herwarth von BittenfeldWie Unternehmen Location Based Services für sich nutzen können « Paul Herwarth von Bittenfeld

    [...] Supermärkte und andere lokal verankerte Unternehmen an, sind diese sehr vielfältig. So schreibt die Fink&Fuchs PR AG in einem aktuellen Blogbeitrag: Denkbar sind lokalisierte Bewertungssysteme, Gewinnspiele, Rabattsysteme, Verknüpfung von [...]


  3. 22. März 2010 | 19:15 Uhr
    Virtuellewelten.atVirtuellewelten.at

    Ich bring mich dann mal (virtuell) um!…

    Virtueller Selbstmord, gerade erst in Mode gekommen, ist schon wieder Geschichte, er wurde selbst ermordet. Als Täter können die großen Social Networks angesehen werden, welche wohl Angst um den Zustand ihrer “Einwohner” hatten. Dabei wird es ihnen a…


  4. 6. April 2010 | 13:36 Uhr
    Martin SchulzMartin Schulz

    Das Stichwort, was mir dazu einfällt lautet Augmented Reality: Die erweiterte Realität. Momentan ist dieser Begriff in aller Munde und wenn sich die Geräte, die soetwas unterstützen weiterhin so schnell entwickeln, wie momentan, finde ich den Hype darum ziemlich berechtigt. Wer diesen Zug im Marketing verpasst, stürzt am Ende vielleicht genauso ab, wie die Firmen, die damals nicht vernünftig mit dem Internet gegangen sind. (Quelle lässt grüßen …)


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